Die Parlamentarische Vereinigung Niedersachsen zu Besuch in Wolfenbüttel:

Von der ehemaligen Residenzstadt der Welfen und Norddeutschlands größtem mittelalterlichen kulturellen Mittelpunkt über die weltberühmte Herzog August Bibliothek zur aufstrebenden blühenden Kommune und Kleinstadt-Idylle

Es war für die altgedienten Landespolitiker der Parlamentarischen Vereinigung Niedersachsen (PVN) doch etwas überraschend, als ihnen der Bürgermeister von Wolfenbüttel, Thomas Pink, beim Besuch der diesjährigen Ein-Tages-Fahrt in die ehemalige Residenz- und Herzogstadt an der Oker, 12 Kilometer südlich von Braunschweig, bei der Vorstellung seiner Stadt erklärte:

"Uns geht es finanziell gut, alles andere wäre falsch." Denn gemeinhin stöhnen die "kommunalen Brüder" darüber, wie schlecht es den Gemeinden geht und dass sie mehr Geld vom Land brauchen. Aber Wolfenbüttel hat eine sehr gute Haushaltslage mit Überschüssen in steigender Tendenz und damit gute Voraussetzungen für größere Investitionen. Der Bürgermeister sagte weiter, es gebe gute Beziehungen zu allen Nachbarn, einschließlich des Landkreises Wolfenbüttel und der Stadt Braunschweig. "Es gibt trotz verschiedener Interessenlagen eher ein Miteinander als ein Gegeneinander."

Bürgermeister Pink bezeichnete die 53000-Einwohner-Stadt im Dreieck zwischen Braunschweig, Wolfsburg und Salzgitter als Wohnzimmerregion, weil man hier nicht nur gut wohnen könne, sondern weil es auch viele wichtige Gewerbetriebe gibt, oft als Zulieferer für die nahen Großbetriebe der Region. Dazu kommt die weltbekannte Firma Günter Mast mit dem weltbekannten Kräuterlikör "Jägermeister", der nicht nur zu den größten Marken der Welt zählt, sondern auch seit 1973/74 die Trikots des Fußballvereins Eintracht Braunschweig ziert, nachdem er als erster in der deutschen Fußball-Bundesliga die Trikotwerbung eingeführt hat.

Über Jahrhunderte war Wolfenbüttel welfische Residenzstadt und kulturelles Zentrum Norddeutschlands. Auch heute zeichnet sich die Stadt durch kulturelle Vielfalt aus. Besonders sehenswert sind die Herzog August Bibliothek als eine der größten wissenschaftlichen Bibliotheken der Welt, daneben das Lessing-Haus, das ehemalige Wohnhaus eines der bedeutendsten deutschen Literaten, und das Residenzschloss der Welfen, das zweitgrößte seiner Art in Niedersachsen, das im Mittelalter über drei Jahrhunderte einer der wichtigsten politischen und kulturellen Mittelpunkte Deutschlands war.

In der im letzten Weltkrieg glücklicherweise nicht zerstörten Stadt ist der alte historische Stadtkern erhalten geblieben. Um ihn auch weiterhin zu erhalten, hatte Wolfenbüttel schon vor 40 Jahren eine der größten Stadtsanierungen in Deutschland aufgelegt. Seit 1991 ist die Innenstadt an der Reihe. Zur Zeit ist der Schlossplatz, das Herz der Stadt, eine riesige Baustelle.  Um das Zentrum in den alten historischen Zustand zu versetzen, wird sogar ein großes Wohn- und Geschäftsquartier mit dem größten Kaufhaus der Stadt abgerissen. Über 22 Millionen Euro lässt sich die Stadt die Sanierung kosten. "Hier werden viele Millionen versenkt", sagte Bürgermeister Pink, "sechs Millionen allein für den Schlossplatz, 4,8 Millionen Euro kommen vom Land."

"Wir sind auch eine Schulstadt und eine Stadt der Bildung", betonte der Bürgermeister weiter. Es gebe hier alle Schulformen, von der Grundschule bis zu mehreren Gymnasien und zur Integrierten Gesamtschule IGS. Auch das Wolfenbütteler Schloss ist seit 1866 zum großen Teil eine Schule, die 1923 als Anna-Vorwerk-Schule als reine Mädchenschule gegründet wurde, bis sie 1969 als "Gymnasium im Schloss" zur gemischten Schule für 1.400 Mädchen und Jungen überging. Dazu kommt auch noch eine staatliche Fachhochschule, die inzwischen sehr renommierte Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften.

Nach dem mit viel Beifall der Reiseteilnehmer der PVN aufgenommenen Vortrag des seit 2006 hauptamtlich tätigen CDU-Bürgermeisters Thomas Pink, dem ein Stadtrat von 14 SPD-Ratsmitgliedern, 13 der CDU, sechs der Grünen, vier der AfD, je zwei der FDP und der Linken und einer der Piraten "zur Seite stehen", sagte der frühere Wolfenbütteler Kommunalpolitiker und frühere Landtagsvizepräsident Klaus-Peter Bachmann: "Wenn wir entscheiden könnten, hätten wir eine Region Braunschweig zusammen mit Wolfsburg und Salzgitter. Ich habe die große Erwartung, dass die jetzige Große Koalition in Niedersachsen die große Chance nutzt, etwas zu tun. Wir haben dringend eine Gebietsreform nötig. Es gibt einen Konsens mit den Kommunalpolitikern, auch mit dem Braunschweiger Oberbürgermeister - anders als offenbar in Salzgitter und Wolfsburg."  

Der Vorsitzende der Parlamentarischen Vereinigung Niedersachsen, Ulrich Biel, bescheinigte den Wolfenbüttelern, sie hätten nicht gejammert, sondern hervorragende Arbeit geleistet. "Es war schön in dieser Lebenswerten Stadt!"

Vor dem Besuch im alten ehrwürdigen Wolfenbütteler Rathaus hatten die niedersächsischen Gäste Gelegenheit, die weltberühmte Herzog August Bibliothek zu besichtigen. Sie ist 1572 von dem Welfen-Herzog Julius zu Braunschweig-Lüneburg gegründet worden. Den legendären Ruf begründete dann der sehr gebildete und weitgereiste Herzog August, der ursprünglich aus der Dannenberger Nebenlinie der Welfen-Dynastie stammte und nach dem Aussterben der Wolfenbütteler Linie hier als größter Büchersammler und Friedensfürst die größte europäische Bibliothek aus Drucken und Schriften des Mittelalters und der frühen Neuzeit zusammenstellte. "Wir haben hier die weltweit größte Sammlung von Drucken des 17. Jahrhunderts, die gesamte gedruckte Überlieferung des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation", sagte der Direktor der Herzog August Bibliothek, Prof. Dr. Peter Buschel.

Im Hauptgebäude in der riesigen, mehrstöckigen Augusteerhalle, dem größten Raum des Bibliotheksquartiers mit der Schatzkammer, dem Globensaal, Kabinett und Malerbuchsaal, erhielten die Besucher einen imposanten Eindruck dieser einmaligen Bibliothek mit ihren über 400.000 alten Büchern und Drucken sowie rund 12.000 Handschriften, 3.000 historischen Landkarten, 120 Atlanten, zehn wertvollen Globen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert und auch 13.150 Leichenpredigten. Zu besichtigen war auch ein Faksimile des teuersten Buches der gesamten Bibliothek, des Evangeliars Heinrich des Löwen, das die niedersächsische Landesregierung 1983 für 32,5 Millionen D-Mark in London ersteigert hatte. Die Digitalisierung des riesigen Bestandes sei heute das tägliche Brot, sagte Direktor Buschel weiter. Aber das werde noch viele Jahre dauern.

Unter dem früheren Bibliotheksdirektor Paul Raabe, der ab 1968 nach Erich Kästner die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel leitete, wurde sie zu einer der größten europäischen Forschungs- und Studienstätten für Drucke des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Unter den 350 Mitarbeitern sind viele renommierte Wissenschaftler und internationale Stipendiaten. Die Herzog August Bibliothek ist heute eine Landeseinrichtung unter der Aufsicht des niedersächsischen Wissenschaftsministeriums.

Bei der anschließenden Besichtigung des Lessing-Hauses erfuhr die parlamentarische Besuchergruppe, dass dieses im Stil eines spätbarocken französischen Parkschlösschens erbaute Hofbeamtenhaus Gotthold Ephraim Lessing, einem der größten deutschen Dichter, ab 1777 bis zu seinem Tode 1781 als Wohnhaus diente, in dem er arbeitete und mit seiner Familie lebte. Allerdings starben seine Frau Eva König und ihrer beider Kind bei der Geburt schon bald nach dem Einzug. Lessing richtete sich in ihrem Sterbezimmer sein Arbeitszimmer ein und schrieb hier viele wissenschaftliche Bücher und große literarische Werke. Nach "Emilia Galotti" war "Nathan der Weise" das letzte große Drama, das er hier verfasste. Gleichzeitig machte Lessing die Stadt Wolfenbüttel zu einem deutschen Zentrum der Aufklärung und holte viele verborgene Schätze der Bibliothek ans Licht der Öffentlichkeit. Heute ist das Lessing-Haus ein außerordentlich interessantes Museum. In einer Dauerausstellung wird das Leben und Wirken Lessings gezeigt.

Übrigens war knapp hundert Jahre zuvor auch der berühmte, letzte große deutsche Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz von 1691 bis 1716 ebenfalls Bibliothekar in Wolfenbüttel. Allerdings wohnte er weiterhin in Hannover und reiste nur gelegentlich in die Residenzstadt an der Oker. Leibniz war der Erste, der für die Bibliothek einen alphabetischen Katalog erstellte. Vor allem aber regte er den Bau eines neuen Bibliotheksgebäudes an, das Herzog Anton Ulrich vom Baumeister Hermann Korb als sogenannte Rotunde als ersten selbständigen profanen Bibliotheksbau errichten ließ. Als er baufällig wurde, entstand von 1883 bis 1887 an seiner Stelle das heutige Hauptgebäude der Herzog August Bibliothek im Stil eines florentinischen Palazzo mit der vom Braunschweiger Architekten Kraemer Ende der vorigen Jahrhunderts völlig umgebauten Augusteerhalle, jetzt ohne direktes Licht von außen, um die Bücher besser zur Geltung kommen zu lassen.

Zum Abschluss der diesjährigen Ein-Tages-Fahrt der Parlamentarischen Vereinigung Niedersachsen stand nach dem Mittagessen und Stadtbummel die Besichtigung des Schloss-Museums auf der Tagesordnung. Hier sahen die Besucher die einzigen hochbarocken Staats- und Privatappartements der Herzöge zu Braunschweig und Lüneburg aus der Zeit von 1690 bis 1740. Sie bilden das Herzstück des heutigen Museums. Die Prunkgemächer zeugen vom Repräsentationsanspruch der welfischen Fürsten und machen das höfische Leben des frühen 18. Jahrhunderts mit seiner fürstlichen Wohn- und Tafelkultur aus der Zeit des Absolutismus deutlich. Tassen und Teller aus den Porzellanmanufakturen Fürstenberg an der Weser oder Meißen in Sachsen sind ebenso zu bestaunen wie die verschiedensten Trinkgefäße und geschliffenen Gläser aus aller Welt. Die niedersächsischen Besucher waren beeindruckt von der Pracht der gedeckten Tische und des höfischen Lebens vor 300 Jahren ebenso wie vom gesamten Ambiente.

Zufrieden mit einem gelungenen, wiederum von Sabine Sonntag und Udo Mientus hervorragend geplanten und organisierten Ausflug in die Geschichte und Gegenwart einer weltbekannten ehemaligen Residenzstadt der Welfen und heutiger aufblühender Kleinstadt im Braunschweiger Land traten die Reiseteilnehmer der Parlamentarischen Vereinigung Niedersachsen die Heimreise an, nicht wie üblich im Bus, sondern individuell mit dem eigenen Auto, denn Wolfenbüttel liegt ja nicht "aus der Welt". Und wieder spielte auch das Wetter gut mit. Für viele, die Wolfenbüttel bisher nicht kannten, dürfte es nicht der letzte Besuch gewesen sein.