Baden-Württemberg - das Land der Schwaben und Badenser, der Franken und der Hohenzollern im Südwesten Deutschlands - war das Ziel der diesjährigen großen Reise der Parlamentarischen Vereinigung Niedersachsen.

Die Fahrt vom 24. bis 28. September 2017, wiederum im Omnibus des Reisedienstes Rinder aus Barsinghausen, gehört nach einhelliger Meinung der 38 Reiseteilnehmer zu den schönsten Reisen, die die niedersächsischen Parlamentarier und ihre Begleitung alljährlich unternehmen; meistens durch die deutschen Bundesländer, aber auch nach Österreich, in die Schweiz oder zur Europäischen Union nach Straßburg, Brüssel, Luxemburg. Mit großen Hallo und großer Wiedersehensfreude hatten sich die Parlamentarier und ihre Begleitung am Zentralen Omnibusbahnhof in Hannover begrüßt, fast alle kannten sich von bisherigen gemeinsamen Reisen, an der Spitze der Vorsitzende der Parlamentarischen Vereinigung, Ulrich Biel mit Ehefrau. Es war wieder die gleiche "Truppe", die der Reiseorganisator Udo Mientus und die "gute Seele" Sabine Sonntag willkommen heißen konnten. So fand jeder im Bus schnell seinen "angestammten" Platz und voller Erwartungen begann die große Fahrt bei schönem Spätsommerwetter und guter Laune.

Diesmal war die Reise aber auch noch von besonderer politischer Bedeutung; denn sie begann ausgerechnet am Tag der Bundestagswahl in Deutschland. So war die Spannung bei den mitreisenden Politikern abends kurz vor 18 Uhr zur ersten Wahlprognose, der Bus rollte gerade in Richtung Stuttgart, besonders groß. Die digitalen Medien wie Smartphones, Tablets und dergleichen sorgten allerdings für direkte Informationen. Als die ersten Zahlen der Wahlergebnisse erschienen, machte sich durchweg große Enttäuschung breit. Die meisten hatten gehofft und mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass es so schlimm besonders für die großen Parteien kommen würde: CDU 32,9 % und damit minus 8,6 % gegenüber der Wahl vor vier Jahren, eines der schlechtesten Wahlergebnisse der Nachkriegszeit unter Kanzlerin Angela Merkel; SPD 20,6 % und damit minus 5,1 %, ein historisches Tief unter Kanzlerkandidat Martin Schulz, schlimmer ging es nicht. Die Linke und die Grünen konnten mit 9,1 % bzw. 8,9 % und mit geringen Gewinnen noch zufrieden sein; die FDP allerdings jubelte über 10,6 % = plus 5,8 % und damit Wiedereinzug in den Deutschen Bundestag. Aber auch die AfD zog mit 13 % = plus 8,3 % erstmals ins Bundesparlament ein. Die Zahlen verhießen kein klares Votum für irgendeine Regierungskonstellation, sondern eine außerordentlich schwierige und komplizierte Regierungsbildung. Bei aller Niedergeschlagenheit im Bus gab es doch genügend Diskussionsstoff für die niedersächsische Reisegesellschaft.

Wie geplant, erreichte der Bus gegen 18.30 Uhr das Ziel in Herrenberg (etwa 31.000 Einwohner), rund 30 Kilometer südwestlich der Landeshauptstadt Stuttgart mitten in Baden-Württemberg gelegen. Das Vier-Sterne-Hotel Gasthof Hasen am Hasenplatz 6 war das Stammquartier für die kommenden vier Nächte. Die komfortablen Zimmer, Foyer mit Bar sowie das Frühstück, reichhaltig und mit vielfältiger Auswahl, waren gut bis sehr gut. Von Herrenberg selbst sahen die niedersächsischen Besucher nicht viel, da es jeden Morgen früh zum nächsten Besichtigungsprogramm und meistens erst wieder abends zurück ins Hotel ging. Mit viel Gesprächsstoff bei einem gemeinsamen Abendessen im Hotel und nach rund 700 Kilometer Busfahrt endete der erste Tag dieser großen Reise, die noch viel interessante Begegnungen und Besichtigungen bringen sollte.

                                                                                             

Zu Besuch beim Landtag in Stuttgart

Der politische Schwerpunkt der Reise waren der Baden-Württembergische Landtag in Stuttgart sowie die Gespräche mit der Vereinigung ehemaligen Mitglieder des Landtags von Baden-Württemberg. Die Landtagspräsidentin Muhterem Aras ließ es sich nicht nehmen, die niedersächsischen Gäste persönlich zu begrüßen und dabei auf die Arbeit ihres Landtags, Erfolge und Probleme des Parlaments hinzuweisen sowie das nach gründlicher Generalrenovierung gerade fertiggestellte Haus des Landtags vorzustellen. Wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann gehört auch die Landtagspräsidentin zu den Grünen, denn Baden-Württemberg ist das einzige deutsche Bundesland, in dem die Grünen stärkste Kraft sind und die Spitzenämter besetzen. Die niedersächsischen Parlamentarier hatten einen sehr guten Eindruck von der ebenso charmanten wie kompetenten Gastgeberin, einer in Anatolien (Türkei) geborenen und als Kind nach Deutschland gekommenen heute 51jährigen Politikerin. Seit 2016 ist sie Landtagspräsidentin und beruflich Chefin einer eigenen Steuerberatungskanzlei.

Voll Stolz wies Muhterem Aras darauf hin, dass 25 Prozent der Landtagsabgeordneten Frauen sind, bei den Grünen sogar 47 Prozent. Nachdem die AfD bei der letzten Landtagswahl ins Parlament in Baden-Württemberg eingezogen ist, sei der Umgangston rauer geworden, Tabuzonen würden überschritten, und alle fünf bisherigen Ordnungsrufe seien gegen AfD-Abgeordnete ausgesprochen worden, die einmal sogar wegen Beleidigung der Präsidentin von der Sitzungsteilnahme ausgeschlossen werden mussten. "Die Atmosphäre ist anders, aber nicht besser geworden", sagte Frau Aras, "man geht ahnungslos in die Sitzung hinein und dann, an einer völlig unerwarteten Stelle, schlagen die Emotionen hoch." Dann sei der schwierigste Teil ihres wunderbaren Amtes als Präsidentin,  sich nicht unter Druck setzen zu lassen, Autorität zu beweisen und auszugleichen.

Als wichtigste Themen des Baden-Württemberger Landtags bezeichnete Präsidentin Aras die Haushaltsberatungen für den Doppelhaushalt 2018/19 mit einem Etat von rund 47 Milliarden Euro, sowie Innere Sicherheit, dazu das Dauerthema Bildung und zum Schluss immer wieder Flüchtlinge, Asyl und Integration. Ferner erläuterte die Präsidentin das erfolgreiche Programm "Schule vor Ort", bei dem die Präsidiumsmitglieder jeweils die Schulen im Land besuchen und mit den Schülern diskutieren. Dieses extrem aufwendige Programm soll auch jetzt noch fortgeführt werden, nachdem mit dem Umbau des Hauses des Landtags ein neues, von allen zugängliches Bürger- und Medienzentrum geschaffen wurde, so dass keine Schulklassen als Besucher mehr abgewiesen werden müssen.

Der Vorsitzende der Parlamentarischen Vereinigung Niedersachsen, Ulrich Biel, dankte der Präsidentin Aras im Namen der sehr aufmerksam zuhörenden niedersächsischen Parlamentarier und überreichte ihr einen in Peine produzierten Pelikan-Füllfederhalter, mit dem sie alle wichtigen Schriftstücke des Parlaments für das Wohl des Landes unterschreiben möge.

Baden-Württembergs "Ehemalige" bestehen seit 1980

Anschließend begrüßte der Vorsitzende der Vereinigung ehemaliger Mitglieder des Landtags von Baden-Württemberg, der ehemalige langjährige Landtagsabgeordnete und frühere Staatssekretär Wolfgang Rückert (CDU), die niedersächsischen Gäste mit der Bemerkung, Niedersachsen und Baden-Württemberg hätten zwei Dinge gemeinsam: Beide seien Automobilländer, Niedersachsen mit VW, Baden-Württemberg mit Daimler-Benz und Porsche, und die beiden Fußballclubs der Landeshauptstädte, Hannover 96 und VfB Stuttgart, seien gemeinsam aus der Bundesliga abgestiegen und wieder gemeinsam aufgestiegen. Wolfgang Rückert wies ferner darauf hin, dass seine Vereinigung bereits 1980 gegründet worden ist und 190 Mitglieder zählt, wobei es bisher noch gewisse Hemmungen bei den Grünen gebe. Die Vereinigung wird vom Protokollchef des Landtags, Horst Schneider-Helling, betreut, der auch in außerordentlich freundlicher Art die Betreuung der niedersächsischen Gäste übernahm. Die ehemaligen Baden-Württemberger Parlamentarier machen ebenfalls jeweils im Frühjahr und Herbst Informationsreisen, allerdings vornehmlich regional, weil die großen Fahrten nicht so gern angenommen werden. Doch die Vereinigung selbst sei eine sehr lebendige und aktive Gruppierung, die sich über Fraktionsgrenzen hinweg zu einer festen Gemeinschaft entwickelt habe, sagte der Vorsitzende. "Es ist doch schön, wenn man die parteipolitischen Auseinandersetzungen hinter sich lassen kann und nach dem Ausscheiden aus dem Landtag die persönlichen, menschlichen Kontakte weiter pflegen kann."

Nach einem Rückblick auf die politische Lage in Baden-Württemberg, "wo die Person des Ministerpräsidenten Kretschmann alles überstrahlt und dem die CDU, die mit den Grünen in einer Koalition sitzt, nichts entgegensetzen konnte", und wo das Parlament eineinhalb Jahre Erfahrung mit der AfD hat, meinte Rückert - zwei Tage nach der letzten Bundestagswahl, nach dem erstmaligen Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag -, es werde nicht einfach werden, das wichtige Gespür für den Umgang mit dieser Partei zu entwickeln. Nach den Stuttgarter Erfahrungen solle man sich mit den aufgeworfenen Themen auseinandersetzen, aber sich nicht an Personen reiben. Das könne gerade er sagen, der selbst in Berlichingen geboren ist, wo das berühmte Zitat des alten Götz von Berlichingen Richtschnur sei.

Auf die in Stuttgart noch ungelöste Frage, ob ehemalige Regierungsmitglieder, die nicht Abgeordneten waren, "abgehängt" sind oder auch Mitglieder sein können, sagte Ulrich Biel in seiner Dankesrede, in Niedersachsen sei das kein Problem. "Einmal Politiker - immer Politiker", sei das Motto, und "es kann nicht schaden, wenn wir so viel politischen Sachverstand wie möglich bei uns haben".

Auch in Stuttgart wurde das Haus des Landtags generalsaniert

Anschließend ging es unter Leitung von Protokollchef Schneider-Helling zur Besichtigung des Landtags. Wie in Hannover, so war auch Stuttgarts Innenstadt durch Bombenangriffe im letzten Weltkrieg total zerstört. Im Zuge des Wiederaufbaus des neuen Schlosses und des Opernhauses wurde dazwischen, unmittelbar an der "autogerechten" Ringstraße, der Neubau des Hauses des Landtags errichtet und 1961 eingeweiht. Wie in Hannover war auch in Stuttgart nach über einem halben Jahrhundert intensiver Nutzung des Gebäudes eine Runderneuerung unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes dringend nötig. So wurde das Haus des Landtags zwischen Herbst 2013 und Frühjahr 2017 technisch, energetisch und baulich saniert, modernisiert und erweitert. Die Debatten über das fehlende Tageslicht im Plenarsaal, wie auch in Hannover, und über die Größe des architekturgeschichtlich bedeutsamen Bauwerks der Nachkriegszeit waren übrigens so alt wie das Haus selbst. Vor allem galt es also, endlich Licht in den fensterlosen Plenarsaal zu bringen. Deshalb waren, wie Landtagspräsidentin Aras sagte, die auffälligste Neuerung die zwölf Lichtkegel und 36 Lichtstrahler, die im Dach eingebaut wurden. In dem nunmehr endlich von Tageslicht durchfluteten Plenarsaal, verstärkt durch auf der Rückseite geschaffene große Glasfenster, kann man jetzt einmal nach innen einen Blick in den Sitzungssaal der Abgeordneten werfen, und nach außen in das Foyer und darüber hinaus in die Stadt mit dem oberen Schlossgarten schauen. Eine wunderbare neue Cafeteria, in der die niedersächsischen Besucher zu einem üppigen Mittagessen eingeladen waren, krönt das Ganze.

Eine weitere sehr wichtige Erneuerung war die Vergrößerung des Hauses des Landtags durch den Bau eines weitgehend unterirdischen Bürger- und Medienzentrums. Eine Agora, ein dem antiken Theater nachempfundener Treppenrundbau, bildet den Eingang zum Veranstaltungsbereich, zwei zylinderförmige Lichthöfe leiten Tageslicht in die unterirdischen Räume. Sie werden, ausgestatte mit moderner Medientechnik, für Pressekonferenzen, Vorträge und Seminare genutzt. Auch die Landespressekonferenz Baden-Württemberg hat hier ihr Domizil.

Die niedersächsischen Besucher waren beeindruckt von diesem weitläufigen, lichtdurchfluteten Gebäude. Aber als auf ihre Frage, wo denn die Abgeordneten, die Fraktionen und die Verwaltung ihre Räume haben, die Antwort kam: neben dem gegenüber dem Landtag liegenden, durch einen Tunnel verbundenen Haus der Abgeordneten in mehr als sechs weiteren Dependancen in mehr oder weniger weiter Entfernung rings um das Haus des Landtags herum in der Stadt verteilt, erinnerten sie sich gern an Hannover, wo praktisch alles "unter einem Dach" ist, bzw. unter zwei Dächern, nachdem das über die Straße oder durch den Tunnel zu erreichende ehemalige von Köllnsche Haus dazugekommen ist.

Zu Gast bei der Landespressekonferenz Baden-Württemberg und Ministerpräsident Kretschmann

Zu erwähnen ist noch, dass Rolf Zick, der Verfasser dieses Berichts, die Gelegenheit hatte, während der Landtagsbesichtigung die gerade im Bürger- und Medienzentrum tagende Landespressekonferenz Baden-Württemberg zu besuchen. Zick, als langjähriger landespolitischer Journalist 20 Jahre lang von 1970 bis 1990 selbst Vorsitzender der Landespressekonferenz Niedersachsen, konnte im Gespräch mit der Vorsitzenden von Baden-Württemberg, Bärbel Schlegel, darauf hinweisen, dass die erste Landespressekonferenz der Nachkriegszeit 1947 in Hannover gegründet worden ist und dass alle Landespressekonferenzen der deutschen Bundesländer, ab 1949 auch die Bundespressepressekonferenz, sich am niedersächsischen Vorbild orientierten. Eine interessante Abweichung gibt es in Stuttgart mit der jeden Dienstag um 12 Uhr stattfindenden Regierungspressekonferenz, in der sich der Ministerpräsident den Fragen der Journalisten stellt. Und weil es zufällig gerade Dienstag kurz vor 12 Uhr war, nahm Rolf Zick in Begleitung der Vorgängerin von Frau Schlegel, Gabriele Renz, als Gast an der Pressekonferenz teil und lernte erstmals Ministerpräsident Winfried Kretschmann persönlich kennen. Über eine halbe Stunde lang musste der Regierungschef "über jedes Stöckchen springen, das ihm Journalisten hinhielten", wie ein Teilnehmer sagte. Diesmal war es natürlich besonders interessant, weil die Pressekonferenz zwei Tage nach der Bundestagswahl stattfand und weil Kretschmann als eine der Galionsfiguren auch der Findungskommission der Grünen angehört, die sich berechtigte Hoffnungen machen können, in einer eventuellen "Jamaika"-Koalition  mit CDU und FDP in Berlin regieren zu können. So bezeichnete der Ministerpräsident das Verhalten des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz in der sogenannten "Elefantenrunde" des Fernsehens am Wahlabend als völlig unverständlich, weil der SPD-Vorsitzende schon kurze Zeit nach den ersten Hochrechnungen erklärt hatte, die SPD werde nun in der Opposition weitermachen. Alle Parteien hätten demokratische Verantwortung, meinte Kretschmann. Die Grünen würden sich ihr stellen, denn Deutschland brauche eine stabile Regierung, und da müsse man Kompromisse machen. Als wichtige Kernthemen bezeichnete er die Vollbeschäftigung, den Kampf gegen Terrorismus und für die innere Sicherheit, Problemlösungen in der Flüchtlingsfrage und Vertrauen in der Bevölkerung gegen die AfD zurückgewinnen. Eine Zusammenarbeit mit "denen" sei unmöglich. "Wir werden uns nicht jagen lassen von Herrn Gauland, 87 Prozent der Deutschen haben nicht die AfD gewählt. Wir nehmen die Wähler der AfD Ernst, aber wir geraten nicht in Panik, wir werden nicht nervös auf sie reagieren, sondern souverän bleiben, dann kann unserer Demokratie nichts passieren", sagte der Baden-Württemberger Ministerpräsident vor der Landespressekonferenz.

Nach der Politik der Tourismus

Wie bei den großen Reisen der Parlamentarischen Vereinigung Niedersachsen üblich, hat auch diesmal der Vorstand für ein interessantes und umfangreiches touristisches Besichtigungsprogramm gesorgt. Es begann schon auf der Hinfahrt mit dem ersten pflichtgemäßen Stopp für den Busfahrer Dieter Schielke nach etwa 400 Kilometern auf der Autobahn in Hammelburg. Das 12.000-Seelen-Städtchen im unterfränkischen Landkreis Bad Kissingen an der Fränkischen Saale ist nicht nur 1.300 Jahr alt, sondern auch Frankens älteste Weinstadt. Im Jahre 777 wurde das Weinrecht zum ersten Male urkundlich erwähnt. So ist der Wein auch ein wesentliches Markenzeichen der Stadt. Und zu den Wahrzeichen Hammelburgs zählt neben dem 1524 erbauten Rathaus mit dem Marktbrunnen und mit dem über der Stadt thronenden Schloss Saaleck vor allem das Kellerschloss. Wir durften einen Blick in das Innere werfen: Etwa zwei Dutzend riesige hölzerne Weinfässer, rund fünf Meter hoch, so dass  man bequem darin hätten wohnen können, lagen neben einander. In Spitzenzeiten lagerten hier über 700.000 Liter Wein, produziert von sechs privaten Weingütern und der Weingenossenschaft der kleinen Weinbauern. Hammelburg, das seinen Namen allerdings nicht dem Hammel aus der Schafherde verdankt, sondern eher dem althochdeutschen Wort hamal, gleich steil oder schroff, ist aber nicht nur Weinstadt, sondern auch eine alte Garnison- und Soldatenstadt. Schon 1895 wurden hier der Truppenübungsplatz und das Lager Hammelburg errichtet, seit  über hundert Jahren wurden hier Soldaten ausgebildet und "geschliffen" - fränkische, bayerische, preußische, deutsche, amerikanische. Noch heute ist Hammelburg Standort des Ausbildungszentrums der Bundeswehr, die hier schon in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts ihre größte Blüte hatte.

Das Erlebnis Blumeninsel Mainau

Touristischer Höhepunkt dieser großen Reise war zweifellos der Besuch der Blumeninsel Mainau im Bodensee. Die niedersächsischen Besucher wurden geradezu erschlagen von der riesigen Fülle der herbstlichen Blumenpracht, dem gewaltigen Bestand von riesigen exotischen Bäumen aus aller Welt und dem einmaligen Ensemble aus Natur und Gestaltung. "Das muss man gesehen und erlebt haben", war die einhellige Meinung der Reisegruppe. Wer das Glück hatte, in die Besuchergruppe des jungen Studenten Carl Freise zu kommen, wurde so kompetent und begeisternd informiert, dass er die Insel mit allen ihren Wundern und in aller Prächtigkeit wirklich "erlebte". So erfuhren die Gäste aus der Geschichte der Insel, dass sie im Laufe der vergangenen tausend Jahre immer wieder die Besitzer wechselte, bis sie durch die Säkularisation 1806 unter Napoleon vom Deutschen-orden an das Großherzogtum Baden fiel und Großherzog Friedrich I. in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Ackerland nicht nur seinen Sommersitz machte, sondern auch den Grundstein für die vielgerühmte Blumeninsel legte. Durch Heirat und Erbschaft ging sie 1928 in den Besitz des schwedischen Königs Gustav V. über und wurde ab 1932 von seinem Enkelsohn Prinz Lennart Bernadotte endgültig zum Blumenparadies umgestaltet und neugestaltet. Er starb 2004 im Alter von 95 Jahren im Schloss auf der Insel. Seit 1974 wird sie von der nach ihm benannten Lennart-Bernadotte-Stiftung verwaltet.

Die niedersächsischen Besucher erfuhren auch, dass die Insel Mainau 1,1 Kilometer lang und 610 Meter breit ist, etwa 45 Hektar umfasst und 185 Einwohner hat, darunter die Familie Bernadotte, die im Schloss wohnt und ein wichtiger Teil der Attraktion der Insel Mainau ist. Wenn sie anwesent ist, wird die gräfliche Fahne auf dem Schlossdach gehisst. Unsere Reisegruppe kam in der Spätsommerzeit, in der vor allem die Dahlien im Mittelpunkt der Blütenpracht stehen. Über 20.000 Dahlienbüsche aus über 250 verschiedenen Sorten verzauberten den Dahlienhügel in einen Blütenrausch. Wie Fremdenführer Freise verriet, werden die Dahlien auch deshalb als besonders schön empfunden, weil ihre Blütenblätter in einem Winkel von 23 Grad, dem "goldenen Winkel", zu einander stehen. Ein beliebtes Fotomotiv war auch das Bodenseerelief, ein je nach Jahreszeit mit unterschiedlichen Blumen gestaltetes Blütenbild im Form des Bodensees.

Neben den historischen Gebäuden auf der Insel ist die schon Mitte des 19. Jahrhunderts von Großherzog Friedrich I. parkähnlich angelegte Baumsammlung (Arboretum) ein Herzstück von Mainau. Er war ein leidenschaftlicher Sammler von Bäumen, reiste durch die ganze Welt, kaufte kleine Bäumchen oder Samen und pflanzte alles auf der Insel ein. Inzwischen sind es wohl über 500 zum Teil sehr seltene und sehr wertvolle, auch viele exotische Laub- und Nadelbäume. Darunter sind Riesenmammutbäume aus Kalifornien oder einer der ältesten Urweltmammutbäume Deutschlands, der aus China stammt, als 70 Zentimeter kleines Bäumchen im Ufergarten eingepflanzt worden war, in den ersten Jahren jährlich ein Meter wuchs, später immer noch jährlich mindestens 20 Zentimeter.   Wie Carl Freise weiter wusste, gibt es hier den dicksten Baumstamm der Welt mit 14 Metern Durchmesser und den höchsten Baum der Welt mit 115,92 Metern. Viele Bäume werden übrigens durch Blitzableiter, aus der Baumspitzte bis ins Erdreich, vor Blitzeinschlag gesichert. Teilweise sind die Bäume über 200 Jahre alt. Auch kostbare Zedern, Metasequoin- und Tulpenbäume gehören zum Bestand des Arboretums.

Dass es auf der Insel Mainau auch eine ausgezeichnete Gastronomie gibt, konnte die niedersächsische Reisegruppe in der Mittagspause nach dem ebenso interessanten wie anstrengenden Rundgang genießen.  Als Abschluss und Krönung gab es eine Schiffsreise über den Bodensee vom Anleger Mainau bis nach Meersburg - bei Windstille, ganz ruhigem Wasser und spätsommerlichen Sonnenschein. Leider war die Seefahrt viel zu kurz.

Sigmaringen und die Burg der Hohenzollern

Aber im Programm ging es Schlag auf Schlag. Als nächstes stand der Besuch von Sigmaringen mit dem Schloss der Hohenzollern an. Hier bestaunte die niedersächsische Reisegrupe nicht nur die pompöse fürstliche Ausstattung der Schlossräume und die Lebensart des schwäbischen Hochadels, sondern sie erfuhren auch aus der Geschichte des Hauses der Hohenzollern, dass es eine der bedeutendsten Dynastien Deutschlands war und dass das Geschlecht erstmals 1061 in der Chronik eines Mönches genannt wird. Es besteht in der Gegenwart aus einer brandenburgisch-preußischen Linie mit dem Oberhaupt Georg Friedrich Prinz von Preußen und einer schwäbischen Linie mit dem Chef Carl       Friedrich Prinz von Hohenzollern. Den Kern des Herrschaftsbereichs der ersten damaligen Grafen von Zollern bildete die namensgebende Burg bei Hechingen. Nach Belehnung mit der Burgherrschaft Nürnberg entstand 1214 eine fränkische burggräfliche Linie, aus der 1415 die Markgrafen von Brandenburg, 1701 das preußische Königs- und 1871 schließlich das deutsche Kaiserhaus der Hohenzollern hervorgingen. Die schwäbischen Hohenzollern hatten bereits 1849 die Regentschaft in den Fürstentümern Hohenzollern-Hechingen und Hohenzollern-Sigmaringen aufgegeben, und die Fürstentümer waren 1850 an Preußen gefallen, als Hohenzollernsche Lande. Angehörige des Zweiges Hohenzollern-Sigmaringen konnten jedoch von 1866 bis 1947 als Regenten von Rumänien nochmals politische Bedeutung erlangen.

Bei der Schlossführung lernten dann die Niedersachsen auch die wichtige Rolle der Prinzen und Für-sten von Hohenzollern in der europäischen Geschichte kennen und wie stark gerade Frauen ihrem Schicksal trotzten. Die Burg selbst ist im Laufe der vergangenen tausend Jahre oft zerstört und mehrfach wieder aufgebaut worden, bis sie Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem König Wilhelm I. von Preußen zu dem heute noch existierenden Renaissancebau geworden ist. Über eine Stunde brauchten die Besucher für den Rundgang durch die vielen Säle, Gemächer, die Wohn-, Schlaf- und Badezimmer, immer treppauf und treppab, durch Gewölbe und vier große Türme, vom Kaiserturm über den Bischofsturm und Markgrafenturm bis zum Michaelisturm. Dazu befindet sich im Burghof noch der Wartturm. Er lehnt sich als Treppenturm an den fürstlichen Bau mit Grafensaal und Bibliothek an, und auf ihm wird bei Anwesenheit des Burgherrn die Fahne gehisst. Samtbezogene Polstermöbel, Parkett aus verschiedensten wertvollen Hölzern ebenso Vertäfelungen, Gobelins an den Wänden und viele, viele Gemälde waren zu bestaunen, darunter die von Königin Luise, Kaiserin Augusta, Kaiserin Viktoria und Prinz Waldemar von Preußen, letzteres von Viktoria selbst gemalt. Dass Fürst Karl Anton nicht nur ein Waffennarr war, sondern vor allem auch ein Waffensammler, konnte man in einer der größten privaten Waffensammlungen Europas sehen. In einer großen Waffenhalle dokumentieren weit über 3000 Waffen die Entwicklung der Waffentechnik vom 14. bis ins 20. Jahrhundert. Ein Stockwerk tiefer gelangt man über die Waffenkammer in die Schatzkammer. Hier kann man unter anderem eine Courschleppe der Königin Luise aus Seidendamast, den Waffenrock Friedrichs des Großen aus der Schlacht bei Kunersdorf, die Schnupftabakdose, die ihm das Leben rettete, seine Krückstöcke, zwei seiner Traversflöten und edelsteinbesetzte Tabatieren bewundern.

Was waren das noch für Zeiten, in denen der deutsche Hochadel Jahrhunderte lang, meistens auf Kosten seiner Untertanen, lebte, dachten sich viele der niedersächsischen Besucher nach dieser sehr interessanten und lehrreichen Besichtigung.

Stuttgart - die Landeshauptstadt und ihre großen Söhne

Nach dem eindrucksvollen Ausflug am ersten Tag der großen Reise der Parlamentarischen Vereinigung Niedersachsen an den Bodensee und auf die Insel Mainau sowie den Abstecher zu den Hohenzollern war der zweite Tag, nach dem Besuch des Baden-Württemberger Landtags am Vormittag, dann der Landeshauptstadt Stuttgart gewidmet. Es begann mit einem etwa einstündigen Rundgang durch die Innenstadt und wurde mit der Rundfahrt, Gottseidank im Bus, durch die Außenbezirke fortgesetzt. Wie anders hätte das Besichtigungsprogramm dieser über 620.000 Einwohner zählenden Metropole bewältigt werden können!

Zunächst erfuhren die niedersächsischen Besucher bei einem Rückblick auf die Historie, dass Stuttgart nach der Stadtgründung im 13. Jahrhundert gräfliche Residenz und mit der Erhebung von Eduard ("der mit dem Barte") zum Herzog 1495 Residenz des Herzogtums Württemberg und 1806 Hauptstadt des Königreichs Württemberg wurde. Nach dem ersten Weltkrieg und der Revolution war Stuttgart Hauptstadt des "Volksstaates" Württemberg und nach dem zweiten Weltkrieg nach der Vereinigung von Württemberg-Baden mit dem Land Baden und dem Land Württemberg-Hohen-zollern bis heute Hauptstadt des Bundeslandes Baden-Württemberg. Oberbürgermeister von Stuttgart ist der ehemalige Bundesvorsitzende der Grünen, Fritz Kuhn, der als erster Grüner 2012 im zweiten Wahlgang mit 52,9 Prozent von Grünen und linken Parteien gegen CDU, FDP und Freie Wähler, die einen Parteilosen als Spitzenkandidaten unterstützt hatten, zum Oberbürgermeister einer deutschen Landeshauptstadt gewählt wurde - so wie Winfried Kretschmann der erste Grüne Mini-sterpräsident eines deutschen Bundeslandes ist.

Stuttgart ist im letzten Weltkrieg durch 53 Bombenangriffe der Engländer und Amerikaner zu über 70 Prozent, die Innenstadt nahezu komplett, zerstört worden. Im April 1945 hatten zuerst die Franzosen, seit Juli 1945 die Amerikaner die Stadt besetzt. Stuttgart, seit je her durch Gottfried Daimler, Carl Benz, Robert Bosch die Familie Porsche und andere Pioniere eine Auto-Stadt, wurde für den Wiederaufbau vorwiegend als "autogerechte" Stadt konzipiert. Dazu wurden die meisten Ruinen historischer Bauten, ganze Straßen und Plätze, auch die wenig oder gar nicht beschädigt waren, abgerissen und planiert. Wie rigoros damals in der Stadt vorgegangen war, machte 60 Jahre danach auch das "Projekt Stuttgart 21" deutlich: die komplette unterirdische Verlegung des Hauptbahnhofs samt rund zehn Kilometern Gleisanlagen. Eine Riesenbaustelle mitten in der Stadt zeugt von diesem umstrittenen Jahrhundertbauwerk.

Der Rundgang der Besuchergruppe begann im Zentrum der Stadt auf dem Schlossplatz zwischen dem alten Barockschloss und dem neuen Renaissanceschloss neben Landtag und Staatstheater. Die kilometerlange Königstraße beherrscht die Fußgängerzone. In der parallel dazu verlaufenden Calwerstraße laden die große überdachte Calwerpassage sowie auch die Markthalle und daneben das "Brenninger" am Marktplatz, das viertgrößte Kaufhaus Deutschlands, zum Einkaufen und Verweilen ein. Direkt im Zentrum am alten Schloss beginnt auch Stuttgarts ganzer Stolz, wie die Stadtführerin sagte, der 600 Jahre alte und drei Kilometer lange Schlossgarten, eingeteilt in oberen, mittleren und unteren Schlossgarten, bis zum Cannstatter Neckarufer, mit Übergang zum 65 Hektar umfassenden Rosensteinpark, dem größten englischen Landschaftspark Südwestdeutschlands. Zusammen mit dem Killesbergpark bilden diese drei Parks Stuttgarts berühmtes "Grünes U". Bequem im Bus gewann man einen guten Eindruck von der Schönheit dieser ausgedehnten Anlagen.

Interessant war auch der Südosten mit Bad Cannstatt und Untertürkheim, Stuttgarts Renommierregion. Die Hannoveraner, die für sich das größte Schützenfest der Welt reklamieren, müssen vor Neid erblassen, wenn sie die Cannstatter Wasen sehen würden. Was auf diesem kilometerlangen Areal für das seit 1818 gefeierte Volksfest an Attraktionen von modernsten und wildesten Fahrgeschäften, allein zwei großen Riesenrädern, unzähligen Zelten, Ständen und Buden zu sehen ist, scheint alle Rekorde zu schlagen, wie die Niedersachsen im Vorbeifahren bestaunen konnten. Aber auch das bedeutendste Sport- und Veranstaltungszentrum liegt am Cannstatter Wasen im Neckarpark: Neben dem Fußballstadion Mercedes-Benz-Arena des VfB Stuttgart, ehemals Gottlieb-Daimler-Stadion, dann Neckar-Stadion, für 72.000 Zuschauer die drei großen Multifunktionshallen Hanns-Martin-Schleyer-Halle mit 15.500 Sitzplätzen durch ein gemeinsames Forum verbunden mit der Porsche-Arena und in direkter Nachbarschaft das Carl-Benz-Center mit 20.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Allein schon die Namen verraten, wie Stuttgart seine großen Söhne, die Erfinder und Auto- und Motorenbauer ehrt und verehrt.

Ferner sahen und erfuhren die niedersächsischen Besucher bei der Stadtrundfahrt, dass die Messe auf dem Höhenpark Killesberg angesiedelt war, wo auch 1993 die Internationale Gartenbauausstellung stattfand. Sie erblickten eines der ältesten Wahrzeichen der Stadt, den Tagblatt-Turm, das 1924 bis 1928 erste aus Sichtbeton erbaute Hochhaus Deutschlands, das als Aussichtsturm genutzt wurde. Damit nicht genug: ein weiteres Wahrzeichen war der 1954/55 gebaute 216 Meter hohe Stuttgarter Fernsehturm im Stadtbezirk Degerloch, der weltweit erste in Stahlbetonbauweise errichtete Fernseh-turm. Schließlich vergaß die Stadtführerin nicht zu erzählen, dass es in Stuttgart 175 Beherbergungsbetriebe mit insgesamt 18.900 Betten gibt und in den vergangenen Jahren rund 3,4 Millionen Übernachtungen und 1,8 Millionen Gäste gezählt wurden. Im Übrigen zählt Stuttgart mit 400 Hektar Rebfläche zu den größten Weinbaugemeinden Deutschlands mit der in der Innenstadt gelegenen "Stuttgarter Mönchhalde", dem "Cannstatter Zuckerle" sowie den Lagen in Untertürkheim, Rotenberg und Uhlbach.

Porsche Museum - die spannende Welt der Traum-Autos

Am letzten Tag des Aufenthalts in Baden-Württemberg standen noch zwei sehr interessante Besichtigungen auf dem wiederum sehr reichhaltigen Touristikprogramm der großen Reise der Parlamenta-rischen Vereinigung Niedersachsen. Zunächst ging es zum Porsche Museum nach Stuttgart-Zuffen-hausen. Es ist ein "Genuss" für Autofreunde, Motorsportkenner und Geschwindigkeitsliebhaber deutsche Ingenieurtechnik aus über hundert Jahren von der ersten Auto-Kutsche mit Elektromotor bis zum modernsten Hochgeschwindigkeits-Elektro-Benzin-Hybrid-Renner bewundern zu können, von den genialen Erfindern und Entwicklern Ferdinand Porsche, der mit 24 Jahren, übrigens ohne Studium, seinen ersten Motor entwickelte, und Sohn Ferdinand Porsche, genannt "Ferry", den Autonarr und verrückten Rennfahrer, bis zum Dr.-Ing. Ferdinand Porsche, den Herrn über mehrere Automobilkonzerne einschließlich VW. Die niedersächsischen Besucher hatten das große Glück, in der jungen, ebenso charmanten wie kompetenten, aus Niedersachsen stammenden Iris Oster eine Gästebetreuerin an der Seite zu haben, die zwar Kunsthistoriker mit  Masterabschluss ist, aber offensichtlich "Benzin im Blut" hat und von Autoleidenschaft besessen ist, schon als Jugendliche an Rennen teilgenommen hat und von Auto, Motor und Technik wirklich alles wusste und auch dem Laien spielend erklären konnte. Das Porsche Museum, ein architektonisches Meisterwerk, hat rund 100 Millionen Euro gekostet und wurde im Jahr 2009 eröffnet. Bis Juni 2011 wurden bereits eine Million Besucher gezählt. Auf rund 5.600 Quadratmetern Ausstellungsfläche werden jeweils etwa 80 Museumsfahrzeuge, abwechselnd aus dem Bestand von 450 Exponaten, gezeigt. Hier einige der interessantesten Autos, die die Besuchergruppe bestaunen konnte: Der "Ur-Porsche", Typ 64 vom Baujahr 1939, mit Vierzylinder-Boxermotor, 33 PS und 140 km/h Höchstgeschwindigkeit, auf öffentlichen Straßen 130 km/h. Dann der VW Käfer vom Baujahr 1950 mit 25 PS und 105 km/h Höchstgeschwindigkeit, nachdem Ferdinand Porsche 1934 den Bau eines "Deutschen Volkswagens" vorgestellt hatte mit luftgekühltem Vierzylinder-Motor im Heck und Aufteilung des Fahrzeugs in Bodenplatte und Karosserie, dessen Produktion aber wegen des Krieges eingestellt werden musste. Es wurde nach Kriegsende in der ehemaligen KdF-Stadt bei Fallersleben (heute Wolfsburg) produziert mit einem Design, das eine Stromlinienform mit einem Platzangebot für vier Personen vereinte, und die bekannten Käfer-Silhouette aufwies. In den ersten 50 Jahren rollten weltweit über 21 Millionen Käfer von den Bändern der Volkswagen AG. Porsche 356 Nr. 1 Roadster - der erste Prototyp eines Sportwagens mit dem Namen Porsche, 1948 in Gmünd (Kärnten) gebaut, 35 PS und 135 km/h Höchstgeschwindigkeit. Mit dem Porsche 356 Coupé "Ferdinand", ein Versuchsfahrzeug mit 1086 Kubikzentimeter Leistung, 40 PS und 149 km/h Höchstgeschwindigkeit, begann ein neues Kapitel, als der erste Wagen am Gründonnerstag 1950 in Stuttgart aus der Werkshalle rollte. Porsche 550 A Spyder, Baujahr 1956, 135 Ps und 240 km/h Höchstgeschwindigkeit; "Little bastard" nannte der amerikanische Schauspieler James Dean den für den Rennsport konstruierten Wagen; mit einem Spyder verunglückte er 1955 mit 24 Jahren tödlich auf dem Weg zur Rennstrecke im kalifornischen Salinas. 356 B 2000 GS Carrera GT - den Zusatznamen "Carrera" erhielten von 1955 an alle Fahrzeuge mit Rennmotor. Mit dem Porsche 911 2.0 Coupé, Baujahr 1964, war der Ur-Elfer geboren. So ging das in der Entwicklung weiter, bis zum Porsche Carrera GT Baujahr 2003 mit Zehnzylinder V Hubraum, 5.733 Kubik Leistung, 612 PS und 330 km/h Höchstgeschwindigkeit, der in einer Exklusivserie in Leipzig gefertigt wurde.

Tübingen - die Universitätsstadt am Neckar

Und weiter ging es zur letzten Station des Besuchsprogramms nach Tübingen. Nach einem Mittagessen bei herrlichem Sommerwetter auf sonniger Terrasse unmittelbar am Ufer des Neckar begann der Stadtrundgang auf der Neckar-Insel unter einer beeindruckenden, schattigen Platanen-Allee. "Tübingen hat keine Universität, Tübingen ist eine Universität", betonte die Stadtführerin zur Begrüßung. Sie hatte sicher recht, wenn man bedenkt, dass es in der 87.000-Einwohner-Stadt allein 28.000 Studenten gibt, die höchste Dichte in Deutschland, ferner Hunderte von Professoren und Wissenschaftlern. Und weil etwa 70 Prozent der Schüler nach Verlassen der Grundschule das Gymnasium besuchen und anschließend die meisten auch studieren, ist Tübingen gleichzeitig auch eine Akademiker-Stadt, allerdings mit entsprechenden Wohnungs- und Immobilienpreisen.

Tübingen ist im letzten Weltkrieg glücklicherweise von Bombenangriffen und Zerstörungen verschont geblieben. Das zeigte schon ein Blick von der Neckar-Insel auf die gegenüber liegende Neckar-Front aus buntfarbigen Häusern mit dem Hölderlin-Turm als eines der Wahrzeichen der Stadt. Friedrich Hölderlin, einer der bedeutendsten Lyriker um 1800 war neben Philip Melanchton, dem Dichter Ludwig Uhland oder dem in Hannover 1772 geborenen Kulturphilosophen Karl Wilhelm Friedrich von Schlegel einer der berühmtesten ehemaligen Studenten der 540 Jahre alten Eberhard-Karl-Universität Tübingen. Unterhalb der Neckar-Front sah man die Anlegestelle der Stocherkähne, von denen es auf dem Neckar in Tübingen noch etwa 130 gibt. Bis in die Neuzeit werden von den Studenten die spektakulären Regatten ausgetragen. Früher bekamen nach alter Väter Sitte die Sieger ein Fass Bier von der Stadt gespendet, während die Verlierer einen halben Liter Lebertran trinken mussten. Übrigens gibt es in Tübingen allein 32 studentische Verbindungen, von denen etwa ein Viertel zu den schlagenden Verbindungen gehören. Das Stadtbild wird auch wesentlich mit von den stattlichen Verbindungshäusern der Studenten, besonders in Universitätsnähe am Schlossberg und vorderen Osterberg, geprägt.

Weiter ging es beim Stadtrundgang treppauf, treppab, bergauf, bergab, zu den Sehenswürdigkeiten Tübingens, zunächst über die hintere Burgsteige zum Schloss Hohentübingen, das der Universität gehört, die nach dem Gründer Herzog Eberhard (der mit dem Barte) Eberhard-Karl-Universität heißt, wie sein Standbild im Schlosshof verkündet. Dann ging es hinunter zum nächsten Wahrzeichen, dem mittelalterlichen Rathaus am Marktplatz, und weiter vorbei an ebenfalls vollständig erhaltenen schmucken Fachwerkhäusern und durch enge Gassen der sehenswürdigen Stadt Tübingen. Allerdings, von dem bis ins 19. Jahrhundert dominierenden Weinbau ist in dieser Universitätsstadt fast nichts mehr übrig geblieben.

Zum Abschluss dieses Tages gab es im Hotel Hasen in Herrenberg ein gemeinsames Abendessen, an dem auch der Vorsitzende und Vertreter der Vereinigung ehemaliger Mitglieder des Landtags von Baden-Württemberg teilnahmen. Im Mittelpunkt standen vielfach Gespräche und Rückblicke auf die Ereignisse und Begebenheiten, auf die vielen Sehenswürdigkeiten und Erlebnisse dieser wiederum wunderbaren und interessanten Reise. Der Baden-Württemberger Vorsitzende Wolfgang Rückert dankte den Niedersachsen noch einmal für ihren Besuch und wies darauf hin, dass auch seine Mitglieder Reisen unternähmen, bei denen erfreulicherweise zwei Akkordeonspieler mit dabei seien. "Wir singen im Bus wie die Lerchen, parteiübergreifend", sagte Rückert. Er bedauerte, dass allgemein immer weniger gesungen wird und immer mehr Volkslieder verloren gehen. Aber gerade das Liedgut verbinde - "und stärkt die Lungen".  Mancher der Niedersachsen wird dabei wohl an frühere Reisen gedacht haben, als Ernst-Henning Jahn, "der lange Jahn", ein nicht enden wollendes Potpourri von Volks-, Wander- und Heimatliedern anstimmte und alle in den Refrain mit einfielen. Und weil Baden-Württemberg auch ein Weinland ist, überreichte Wolfgang Rückert, der selbst aus Berlichingen an der Jagst stammt und ausdrücklich darauf hinwies, dass der berühmte Götz von Berlichingen ein Franke und kein Schwabe war, dem niedersächsischen Vorsitzenden Ulrich Biel als Dank für den Besuch eine aus dem Staatsweingut in Weinsberg stammende Flasche Sekt, ganz trocken für Männer, und eine Flasche Wein, etwas lieblicher für Frauen.

Am Donnerstag, 28. September, ging es nach vier sehr interessanten Tagen, morgens früh auf die Heimreise mit einem Zwischenstopp in Bad Kissingen. Bei Busfahrer Dieter Schielke, der zwischendurch als Fremdenführer fungierte und im Vorbeifahren besondere Sehenswürdigkeiten fachmännisch erklärte, fühlten sich die Mitfahrer wie immer sehr sicher, hervorragend aufgehoben und "wie in Abrahams Schoß". Ihm und den Organisatoren der Reise, Udo Mientus und Sabine Sonntag, galt der besondere Dank der gesamten Reisegesellschaft. Fast auf die Minute pünktlich um 18 Uhr fuhr der Bus in den Zentralen Omnibusbahnhof Hannover ein. Fröhlich und froh, die für manchen doch anstrengende Reise so gut überstanden und so viel erlebt zu haben, verabschiedeten sich die Reiseteilnehmer in der festen Hoffnung, bei der nächsten großen Reise der Parlamentarischen Vereinigung Niedersachsen im kommenden Jahr, voraussichtlich nach Schleswig-Holstein und Hamburg, wieder mit dabei sein zu können.                                                                                                                   Rolf Zick