Am 11. Mai wollen wir nach Friedland fahren, einen der geschichtsträchtigsten und emotionalsten Orte Deutschlands. Wir wollen dort das Grenzdurchgangs-lager, das im vergangenen Jahr 70 Jahre bestand, und das im vergangenen Jahr eingeweihte "Museum Friedland" im historischen ehemaligen Bahnhof besu-chen und besichtigen.

Ich möchte auf den Besuch etwas vorbereiten. Denn ich bin auch für Friedland einer der letzten überlebenden Zeitzeugen. Als Russlandheimkehrer bin ich 1948 hier durch das "Tor zur Freiheit" gegangen. Ab 1949 habe ich etwa zehn Jahre lang als Reporter für die Göttinger Presse aus dem Schicksalslager in hunderten von Artikeln, Fotos und Reporttagen berichtet.

Ich möchte heute allerdings keinen historischen Abriss über die Entwicklung des Lagers Friedland geben. Das werden wir an Ort und Stelle sicher noch genauer erfahren. Ich möchte vor allem über emotionale Empfindungen berichten, die viele Millionen Menschen mit dem Namen Friedland verbinden. Ich möchte ein emotionales Bild über mich und die in Friedland Gestrandeten, die ein ähnliches Schicksal hatten, geben, über unseren Zustand und unsere Erlebnisse, über Hoffnungen, Enttäuschungen und Gefühle, über das Mensch-liche, das genauso zu Friedland gehört wie die nackten Zahlen und Berichte.

*      Friedland ist für mich das Ende eines schrecklichen Martyriums.

*   Friedland ist für mich der Ort größter Emotionen und stärkster menschlicher Schicksale.

* Friedland ist für mich der Ort der Erinnerungen an Millionen Menschen, die in diesem Schicksalslager ein neues Leben begonnen haben.

*   Friedland ist für mich vor allem aber der Inbegriff der Freiheit.

Als ich am 6. April 1948 - heute fast auf den Tag genau vor 69 Jahren - nach sechs Jahren Krieg, den ich wie durch ein Wunder einigermaßen heil über-standen hatte, und drei Jahren sowjetische Kriegsgefangenschaft, die ich hinter Stacheldraht in sibirischer Kälte und Isolation ebenfalls überlebt hatte, im Heimkehrerlager Friedland ankam - im Gegensatz zu über der Hälfte meiner rund vier Millionen verreckten Leidensgenossen in hunderten von Arbeits- und Straflagern der weiten, weiten Sowjetunion -, da war ich mit meinen gerade einmal 27 Jahren ein an Leib und Seele gebrochener Mensch - körperlich ein Wrack, ein ausgemergeltes Gespenst aus Haut und Knochen, keine 50 Kilo Gewicht, die Glatze kahl geschoren, die Augen tief in den Höhlen: Wenn einen die eigene Mutter nicht mehr erkennt, sagt das alles! Wir kennen die Bilder aus den befreiten Konzentrationslagern; auch so sahen wir Heimkehrer aus.

Vielleicht noch schlimmer war, dass wir auch als geistig-seelische Krüppel zu-rückkehrten. Jahrelang in der Isolation in der weiten Steppe; kein Sterbens-wort von draußen, nichts über das, was in der Welt passiert, geschweige denn von daheim; was ist nach dem Krieg aus den Angehörigen geworden? Was passiert mit uns? Niemand gab uns darauf eine Antwort.

Körperlich konnte man sich nach der Rückkehr nach etwa einem Jahr eini-germaßen erholen, aber geistig und seelisch dauerte das Trauma viel, viel länger, für viele das ganze Leben.

In diesem Zustand kamen wir als Russlandheimkehrer in Friedland an. Nach jahrelanger Sklavenarbeit, nach ständigem Hunger in den Gedärmen, immer unter der Knute und den Kalaschnikows primitiver Aufpasser, immer das täg-liche Sterben der Kameraden vor Augen; außerdem das Gefühl: kein Mensch zu sein, nicht mal eine Nummer.

Und nun unerwartet in Friedland: Auf einmal endlich, endlich wieder ein Mensch, ein freier Mensch! Was für ein größeres Geschenk gibt es auf dieser Welt?!

Ich erzähle das als Beispiel dafür, wie viele Millionen Menschen damals, die das gleiche oder ein ähnliches Schicksal erlitten hatten, nach Friedland kamen und dort Erlösung, Freiheit und Neuanfang fanden.

In der Geschichte des Lagers Friedland spiegelt sich das erschütternde Kaleido-skop der deutschen Nachkriegstragödie wieder. Friedland wurde das „Tor zur Freiheit“ für Millionen deutsche Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft. Friedland war das Auffang- und Durchgangslager für Millionen deutsche Flücht-linge und Vertriebene, zurückkehrende Evakuierte und Gestrandete, Verzwei-felte, Entwurzelte und Heimatlose. Es gibt wohl kaum einen Ort in Deutschland, in dem so viele Tränen geflossen sind – Tränen des Glücks und der Freude, aber auch des Leids und der Enttäuschung, der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit.

Es begann Anfang September 1945, wenige Monate nach Kriegsende, im Schweinestall des Versuchsgutes der Universität Göttingen in Friedland, dem knapp 400 Seelen zählenden Dörfchen an der Leine etwa zehn Kilometer süd-lich von Göttingen. Unaufhörlich wälzte sich der nach Abertausenden zählende Strom von Flüchtlingen, Vertriebenen, Rückkehrern, Heimatlosen aus dem Osten über die Demarkationslinie am Drei-Länder-Eck der britischen, amerika-nischen und sowjetischen Besatzungszone. Friedland lag wenige Kilometer westlich der Zonengrenze. Friedland war vor allem der erste Ort für alle, die vor den Sowjets und der Roten Armee geflohen waren, der nicht unter sowjetischer Herrschaft stand. Hier war auch der erste Bahnhof, wenige Kilometer von Eichenberg entfernt, dem damaligen großen Drehkreuz der Ost-West- und Nord-Süd-Eisenbahnen.

Hier entstand das erste Massenquartier, als der damalige Kommandant der britischen Besatzungsarmee für den Landkreis Göttingen, Oberstleutnant Per-kins, das Versuchsgut beschlagnahmte:

Im Mastschweinestall war die Essenausgabe, im zweiten Stall die Ambulanz, aus mit Heidekraut aufgeschütteten Kuhställen wurden Schlafsäle; Schweintrö-ge dienten jungen Flüchtlingsfrauen und ihren Neugeborenen als Wochenbett und Wiege - wie weiland in Bethlehem bei Maria und Joseph.

Eine britische Einheit stellte in den Sumpfwiesen des Versuchsgutes zehn mit-telgroße Zelte auf: Das „Lager Friedland“ war entstanden. Es wurde kurze Zeit später, wegen vieler Überschwemmungen, mit sogenannten "Nissenhütten" - das waren einfache Wellblechbogen etwa zehn Meter lang und drei Meter hoch ohne Untergrund, vorn eine Tür - auf die linke Seite der Leine neben den Bahnhof verlegt. Erst nachdem die britische Besatzungsmacht, für die das Lager Friedland nie eine Herzensangelegenheit war, 1952 die Verwaltung in deutsche Hände übergeben, die Fahne niedergeholt, den Stacheldraht abgebaut und die Anlage verlassen hatte, wurden unter der deutschen Lagerleitung aus den knö-cheltiefen Matschwegen endlich feste Straßen; winterfeste Beracken wurden errichtet und eingerichtet, Vorgärten und Blumenbeete angelegt, eine Kirche gebaut und eine Wohnsiedlung für das Lagerpersonal geschaffen.

Damals, im Herbst 1945, strömten täglich fast 5.000 Menschen durch das Lager. Nach einem halben Jahr hatten es bereits über 600.000 „durchlaufen“. Im August 1946 traf der erste Transport mit entlassenen deutschen Kriegsge-fangenen aus der Sowjetunion ein. Es war ein entsetzlicher Anblick, als die menschlichen Wracks, die ausgemergelten Gestalten mit kahlgeschorenen Köpfen, in Fetzen ehemaliger Uniformen gehüllt, mit leeren Blicken, oft auf Stöcke oder Krücken gestützt, durch den Schlagbaum bei Besenhausen an der Zonengrenze kamen und auf Lastwagen weiter nach Friedland transportiert wurden. Am 11. Dezember 1947 durchschritt der 100.000. Heimkehrer das Lagertor in Friedland, am 2. Oktober 1949 kam der 300.000. Russlandheim-kehrer. Die Transporte aus Sibirien und vom Ural, vom Eismeer und aus Kasachstan brachten Männer mit harten Gesichtern und schlotternden Glie-dern. Von hundert Heimkehrern mussten über 50 sofort in Lazarette und Krankenhäuser eingeliefert werden. Einer von ihnen war ich.

Es war jener 6. April 1948 als unsere Gruppe von etwa 50 schwerkranken, arbeitsunfähigen, halbverhungerten und teils amputierten Heimkehrern, viele auf Krücken und an Stöcken, nach wochenlangem Transport durch die Sowjet-union und nach der Übergabe von der Roten Armee an die DDR-Volkspolizei in Leipzig endlich in einem an einen Personenzug angehängten bewachten Perso-nenwagen durch Sachsen und Thüringen über Nordhausen Richtung Heiligen-stadt rollte. Endstation.

Müde und zerschlagen kletterten wir aus unserem Abteil. "Ihr kommt nach Friedland", sagte uns ein DDR-Eisenbahner, "in einer Stunde seid ihr über der Grenze." Friedland? Wo liegt Friedland? Grenze? Gibt es denn jetzt mitten in Deutschland Grenzen? Wie weit ist das gekommen?!

Aber es ist ja nur noch eine einzige Stunde bis zum jahrelang herbeigesehnten Ziel!

Nach längerem ungeduldigen Warten kamen zwei sowjetische Lastwagen ange-rollt. Über die holprige Landstraße ging es bis Ahrenshausen: Aussteigen und zu Fuß über das freie Feld etwa einen Kilometer bis zur Grenze bei Besenhausen. Wir konnten sie schon in der Ferne sehen, oder besser: auf dieser Seite die sowjetische Fahne und hinter dem Schlagbaum die britische Flagge auf der anderen Seite.

Jetzt merkten wir keine Müdigkeit mehr in den Knochen. Nur weiter, weiter, nur nicht schlapp machen. Das Ziel ist zum Greifen nah. Seit Jahren haben wir auf diesen Augenblick gewartet, wir haben ihm entgegengezittert und -ge-bangt. "In wenigen Minuten sind wir in der Freiheit. Es ist unvorstellbar. Weiter, weiter Kameraden, gleich haben wir es geschafft", trommelte es in uns. Wir schlurften und stolperten in unseren Holzklotschen - an ein fußgroßes Brett war ein Stück Segeltuch genagelt - über den Acker. Die Fußkranken und Halb-toten wurden mitgeschleppt. "Hak Dich ein Kamerad, wir schaffen das! Nie-mand wird im Stich gelassen!" Die Gewissheit, dem Tod mehrfach von der Schippe gesprungen zu sein und den Sowjets aus den Klauen entronnen zu sein, die Hoffnung und Freude auf die Heimkehr, auf die Lieben daheim, hatte noch einmal ungeahnte Kräfte freigesetzt. Vor uns lagen endlich der Schlagbaum von Besenhausen und die britische Fahne. "Gleich ist das Schlimmste überstanden!"

Russen und Engländer regeln die Formalitäten. Dann geht der Schlagbaum hoch. Wir taumeln über die "Grenze", durch einen Wellblechtunnel - und sind in der Freiheit!!!

"Herzlich willkommen daheim", rufen uns deutsche Rot-Kreuz-Schwestern zu, "wir haben so sehr auf Euch gewartet. Der katholische Lagerpfarrer steht mit ausgebreiteten Armen mitten auf der Landstraße: "Willkommen liebe Brüder, liebe Landsleute. Lasst Euch umarmen in der Heimat! Jetzt wird alles gut!" - Was für ein Empfang! Selbst den härtesten Männern, den in unsäglichen Schmerzen und Strapazen völlig unempfindlich gewordenen, ausgebluteten, nahezu gefühllosen menschlichen Wracks laufen die Tränen der Rührung herunter. Niemand schämte sich ihrer.

Die Rot-Kreuz-Schwestern kommen mit Körben voller Brote. Deutsches Schwarzbrot mit Marmelade. Zum ersten Male seit Jahren wieder ein ge-schmiertes Brot, zum ersten Male wieder etwas Süßes auf dem Brot. Und dazu Kakao, duftender, heißer, aromatischer Kakao. Sind wir im Paradies? Hat der Himmel seine Tore geöffnet?

Wir sind überwältigt von diesem Empfang. Ja, es gibt sie noch, die deutschen Menschen, die auf deutsche Kriegsgefangene nach der Rückkehr warten. Wir sind nicht vergessen. Wir sind wieder als Menschen aufgenommen. Wir sind so froh darüber.

Langsam klettern wir nach der ersten unverhofften Stärkung in den anrollen-den Omnibus und fahren die paar Kilometer in das Lager Friedland. Ein mit Stacheldraht umzäuntes Lager aus Nissenhütten und einigen Baracken unter der britischen Fahne empfängt uns. Es ist voller deutscher Flüchtlinge aus aller Welt und voller Heimkehrer und Rückkehrer. Friedland ist das Heimkehrerlager, Durchgangslager und Entlassungslager. Friedland ist zugleich aber auch das Symbol der wiedergewonnenen Freiheit, das Symbol der Hoffnung und des Neubeginns des Lebens.

Wie im Traumzustand durchlaufen wir nun die erforderlichen Formalitäten - ohne die gibt es keine Papiere, ohne Papiere ist man kein Mensch. Zuerst zur britischen Dienststelle und zum Verhör, dann gab es den Entlassungsschein mit Unterschrift und Daumenabdruck, 152 Reichsmark bar auf die Hand, zur Entlausung und zum Suchdienst. Und dann die ärztliche Untersuchung, ein Blick der erfahrenen Ärztin genügte: verhungert, unterernährt, ab ins Lazarett. Diese ganze Prozedur war zu viel für die meisten von uns. Wir schalteten ab.

Aufgewacht bin ich in einem weiß-bezogenen Bett in der Aula des zum Lazarett umfunktionierten Göttinger Gymnasiums. Nach fast zehn Jahren zum ersten Mal wieder in einem weißen Bett. Bin ich im Paradies oder wirklich auf Erden?

Zurück zum Lager Friedland:

Im Mai 1950 riss der Heimkehrerstrom ab, bis er um die Jahreswende 1953/54 wieder auflebte. Noch einmal machte Friedland Schlagzeilen in der Weltpresse, als Bundeskanzler Konrad Adenauer 1955 in Moskau die letzten in sowje-tischem Gewahrsam befindlichen deutschen Kriegsgefangenen, Internierten und Zivilverschleppten zurück holte und am 7. Oktober 1955 der erste große Heimkehrertransport aus Russland unter dem Geläut der Freiheitsglocke in Friedland eintraf. Es gab erschütternde Szenen im Lager mit Tränen der Freude und des Dankes. Wohl selten ist der Choral „Nun danket alle Gott“ inbrünstiger gesungen worden. Es gab aber auch unendlich viele Tränen und Enttäu-schungen und Verzweiflung, vor allem bei denen, die monatelang in Friedland ausgeharrt hatten und bei jedem Transport die Schilder mit Namen und Fotos ihrer Vermissten und sehnsüchtig noch erwarteten Ehemänner, Söhne, Brüder, Verwandten hochhielten und die Heimkehrer fragten: "Habt Ihr meinen Mann gesehen, meinen Vater, meinen Sohn?" Und fast immer geschah das Erschüt-ternde: Die Heimkehrer schüttelten den Kopf, und die Frauen und Kinder, eben noch voller Hoffnung und Erwartung, sanken niedergeschlagen, verzweifelt zu-sammen. Sie konnten es nicht fassen, dass der Vermisste nie wiederkommen sollte.

Erst mit dem allerletzten Russlandheimkehrer-Transport der sogenannten "Nichtamnestierten" im Januar 1956, war auch dieses Kapitel menschlicher Tragödie in Friedland zu Ende.

Aber bis heute ist „Friedland“, das im Laufe der inzwischen sieben Jahrzehnte für über vier Millionen Menschen das Schicksalslager war, das „Tor zur Freiheit“ geblieben.